Als eine Nähmaschine tausend Träume rettete

Jasmina Seidler hat dieses „neue Märchen“ geschrieben und sich dabei durch eine wahre Begebenheit inspirieren lassen. Sie bezieht sich in ihrer Geschichte auch auf die SDGs – die nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen – und hier im Speziellen auf SDG 3: Gesundheit und Wohlergehen. 

+++

Die Menschen wandern durch den Schlamm, sie haben kaum noch Kraft und sind verzweifelt, und sie haben Glück, dass sie durch Schlamm wandern. Weiter vorne, beim Strand, da wandert keiner mehr. Das Wasser hat sie alle verschluckt, wenige kämpfen mit letzter Kraft darum, sich festzuhalten, denn der Sog ruft sie und die Welle zurück ins Meer. Es ist keine gewöhnliche Welle – es ist der Tsunami.

Ein Tsunami kann vieles zerstören, nicht nur Häuser und Gärten. Die größte Zerstörung richtet er tatsächlich in den Menschen selbst an. Hunderte Leidensgeschichten wachsen aus dieser Katastrophe, alle verschieden und ähnlich zugleich. Eine dieser Geschichten könnte Antima erzählen, wenn ihr gerade nach Reden wäre. So ist es nicht, deshalb erzähle ich:

Antima wollte Schneiderin werden, als sie ein kleines Kind war. Sie wusste, was gut aussah, welche Stoffe zusammenpassten und wie man nähte. Und als sie erwachsen wurde, hatte sich daran nichts geändert. Sie sparte und sparte, denn jede gute Schneiderin braucht eine Nähmaschine, nicht wahr? Und Antima kommt aus Verhältnissen, da spart man lange auf so eine Maschine.

Natürlich ist ihr Traum nun hinfällig, er wurde vom Tsunami mit ins Meer gerissen.

Solche Leidensgeschichten wachsen, wie Efeuranken erklimmen sie die Welt, immer weiter hinauf bis zu fremden Ohren. Antimas Geschichte erreicht eine Frau namens Margaret und sie bleibt hängen, weil beide Frauen etwas gemeinsam haben: ihre Leidenschaft für das Schaffen von Kleidung.

Es ist eine spontane Entscheidung, leicht und schnell: „Ich kann ohne meine Nähmaschine leben. Diese Frau nicht.“ Und so packt Margaret das Gerät ein, erschafft ihre eigene Efeuranke einer Geschichte und lässt sie zusammen mit dem Paket dorthin wachsen, wo sie hergekommen ist – da, wo die Leute im Schlamm wandern.

Nach einem Jahr hat nicht nur Antima eine Nähmaschine. Margaret war unzähligen Leuten ein Beispiel geworden, eine Inspiration. Man hat zusammengeholfen, Kleidung und Lebensmittel geteilt, Geld und Medikamente gespendet. Man hat unzählige neue Efeuranken gepflanzt, die durch die Länder gewandert sind und Hilfe in die Katastrophengebiete getragen haben.

Hundert Häuser hat man aufgebaut, hundert Zäune in die Erde geschlagen und hundert Träume aus dem Meer zurückgeholt. Man hat die Menschen versorgt, mit Essen und Trinken, man hat ihre Verletzungen verarztet und ihre Schmerzen behandelt.

Und das alles hat mit einer Nähmaschine begonnen.

Es müssen nur wenige Samen gepflanzt werden, damit die Welt anfängt von grünen Brücken zwischen den Menschen zu wuchern. Und wie jeder Gärtner weiß, breitet sich Efeu besonders hartnäckig aus.

Bis niemand mehr im Schlamm wandern muss, bis jedermanns Herzen aufgefüllt und die Träume neu erblüht sind.

Denn jeder Mensch hat ein Recht auf Gesundheit und Wohlergehen.

+++

Symbolfoto: Yaroslav Shuraev auf Pexels


mutmacht Puzzleteilchen 8.3.1

      • 8. Mutstrahl
      • 3. Achterbahn
      • 1. Funke

 


Sag's weiter!
Wie positiv war dieser Beitrag für dich? Klicke auf die Sterne!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.