Zeitscheine stärken die Regionalwirtschaft

Was 2008 mit einer kleinen Gruppe Menschen in Schärding, OÖ, begann, ist heute zu einem weitreichenden Netzwerk geworden: 25 Regionalkreise in Oberösterreich, Salzburg, Niederösterreich und Niederbayern mit derzeit 2.000 Mitgliedern umfasst der gemeinnützige Verein WIR GEMEINSAM. Er hat sich die Aufgabe gestellt, regionalen Zeit- und Talente-Tausch zu fördern und die Regionalwirtschaft zu stärken. Dass damit die gute alte Nachbarschaftshilfe eine wahre Renaissance erlebt, ist ein gewollter Nebeneffekt. Ein Portrait über eine mutmachende Initiative.

Ein stärkendes Element ist, dass der Verein von zwei Seiten unterstützt wird: Einerseits wurde dieses Konzept Bottom-up entwickelt. Und zwar  konkret in einjähriger Arbeit unter Beteiligung der Zivilgesellschaft und des Sozialhilfeverbands Schärding. Darüber hinaus  wird der Verein WIR GEMEINSAM Top-Down unterstützt: und zwar von über 70 Politikern und Menschen des öffentlichen Lebens. Beispielsweise von den Bezirkshauptleuten Ried, Schärding und Kirchdorf, Bürgermeistern, Nationalrats-, Bundesrats- und Landtagsabgeordneten!

Beeindruckend ist der Umfang des Angebotes. WIR GEMEINSAM ist in drei Tätigkeitsbereiche gegliedert: begonnen wurde mit der Nachbarschaftshilfe, gerade neu gegründet wurde das Wirtschaftsnetz und – derzeit noch als Vision – die Zeitvorsorge.
In der Nachbarschaftshilfe dürfen nur soziale Hilfen geleistet werden. Sie sind steuerfrei im Rahmen der derzeit gültigen Zuverdienst-Grenzen. „Gewinnorientierte“ Tätigkeiten müssen weiterhin versteuert werden und werden im Rahmen des Wirtschaftsnetzes geleistet.

Nachbarschaftshilfe: Hilfe kann (sich) jeder leisten

Zeitbanken sind perfekt geeignet, um die Nachbarschaftshilfe wieder zu beleben und ein soziales Netzwerk für Jung und Alt aufzubauen: Wer anderen eine Stunde hilft, erhält einen Zeitschein und kann damit wieder eine Stunde Hilfe beziehen. Die WIR GEMEINSAM Nachbarschaftshilfe bringt damit hilfesuchende und hilfsbereite Menschen, Fähigkeiten und Bedürfnisse in der Nachbarschaft zusammen. Damit wirkt sie der sozialen Isolation entgegen und sorgt für den Kontakt zwischen unterschiedlichen Generationen. Heute trägt WIR GEMEINSAM zunehmend auch zur besseren Integration von geflüchteten Menschen bei.

Von einander lernen
Von einander lernen

Die Hilfe erfolgt immer freiwillig. Jeder Mensch kann die Tätigkeiten einbringen, die er besonders gut kann oder gerne tut, und erhält dafür Hilfe bei Aufgaben, mit denen er überfordert ist – mit gutem Gewissen, da sich Geben und Nehmen die Waage halten. Denn jeder Mensch besitzt besondere Fähigkeiten, die andere benötigen und schätzen.
Das System funktioniert ganz flexibel: Maria betreut die Kinder von Eva, Eva hilft Otto im Haushalt, Otto repariert das Moped von Maria, usw.

Der wichtigste Effekt dabei ist das Entstehen von Bekanntschaften, Freundschaften, von sozialen Netzwerken und Kontakten. Das Gefühl, wieder gebraucht zu werden. Und natürlich gibt es sehr viele Lernprozesse: Wenn ich etwas gut kann, werde ich dieses Talent mit Leichtigkeit und Freude für andere einsetzen, die das nicht so gut  können. Und sogar für häufig ungeliebte Tätigkeiten wie zum Beispiel Bügeln oder Fensterputzen finden sich Menschen, die genau das mit Begeisterung machen. Die Mitglieder dieses Vereins lernen wieder, andere um Hilfe zu bitten und sich zu vernetzen. Und eine weitere Erkenntnis ist: jede Stunde Zeit ist wertvoll.

So wie das chinesische Sprichwort sagt: Mit Geld kann man sich ein Haus kaufen, aber keine Heimat, eine Uhr, aber keine Zeit, ein Bett, aber keinen Schlaf, ein Buch, aber keine Bildung, einen Arzt, aber keine gute Gesundheit und so weiter. Ähnlich ist es mit den meisten Dingen im Leben, die uns wirklich wichtig sind.

Tragfähige Netzwerke schaffen

Beim Erntedankfest
Beim Erntedankfest

Der Vorteil für alle Beteiligten: Auf diese Weise entsteht ein tragfähiges Netzwerk, das dieMenschen zusammenhält. Ein Netzwerk, in dem man sich aufgehoben fühlt und gegenseitig gerne hilft. Auch SeniorInnen sind bis ins hohe Alter gefragt (Kinderbetreuung etc.). In schwierigen Zeiten wird sogar Zeit verschenkt: vor allem an Alleinerziehende und junge Familien sowie Menschen in Notsituationen. Mit diesem Angebot ist der Verein seinerzeit gestartet. Das die Idee erfolgreich war zeigt sich darin, dass es heute ein lebendiges, vielfältiges Regionalleben gibt und sich die Netzwerke ständig erweitern.

In den 25 Regionalgruppen (OÖ, NÖ, SB, Bayern) gibt es jede Menge Aktivitäten und Projekte:

  • Oma-Stammtische (Was Oma noch wusste…)
  • Selbstversorger*innen-Treffen
  • Pflanzentauschmärkte
  • Bücherinseln/Büchertausch-Treffen
  • Repair Cafes/Fahrrad-Reparatur-Treffen
  • Gemeinschaftsäcker/-gärten (derzeit sieben)
  • Vorträge zu Lebensmittelkennzeichnung, Selbstversorgung, Energieautarkie etc.
  • MUNAH Reststoff-Verwertung
  • Feste der Begegnung
    u.v.m.

Durch den Erfolg beflügelt, wurde nun das – bereits lange angedachte – Projekt WIR GEMEINSAM Regionalwirtschaft ins Leben gerufen.

WIR GEMEINSAM Regionalwirtschaft

Die WIR GEMEINSAM Regionalwirtschaft ist ein Zahlungssystem für Privatpersonen, regional
wirtschaftende Unternehmen und Gemeinden zum Tausch von gewerblichen Leistungen und Waren.
Abgerechnet wird in WIR Stunden, eine Stunde nicht-gewerbliche Arbeit im Wert von derzeit 10,- €.
Dieses regionale ZwEITGELD  kann von Gemeinden genutzt werden, indem sie ihre Fördermittel
 in WIR Stunden auszahlen und Kommunalsteuern in WIR Stunden akzeptieren.
 Das hat unzählige Vorteile: es schafft regionale Geld- & Wirtschaftskreisläufe, belebt die Region, bindet Kaufkraft,
 sichert Arbeitsplätze, verkürzt Transportwege, schont Ressourcen und Umwelt.

Einen guten Einblick, wie bei WIR GEMEINSAM Nachbarschaftshilfe und Regionalwirtschaft zusammenspielen, zeigt der ORF-Bericht vom 22. Februar 2015.



WIR GEMEINSAM in St. Georgen kommt in Fahrt

St. Georgen a.d. Gusen ist die erste Gemeinde, die vor einigen Monaten offiziell diesem Netzwerk beigetreten ist. Dort beteiligen sich bereits über 20 Betriebe (auch Gasthäuser,
 Metzgereien, ein Hofladen, ein Autohaus…) an dieser Initiative. Besonders erwähnenswet ist, dass die Gemeinde sogar Zahlungen 
(Kommunalsteuern, Müll-/Wassergebühren, Fernwärme, Telekommunikation, Mieten…)
 in WIR Stunden akzeptiert und selbst bei den beteiligten Betrieben einkauft. Ab 2017 werden sogar die Vereins- und andere Förderungen in WIR Stunden ausgezahlt.

Damit ist St. Georgen die erste Region in Oberösterreich, in der sich die Menschen, lokale Unternehmen und Gemeinde zusammenfinden, um mit regionalem Z(w)eitgeld nachhaltige soziale Wirtschafts­kreisläufe aufzubauen. Toll ist, dass man nun bereits in fast 30 Betrieben der WIR GEMEINSAM Regionalwirtschaft mit den WIR Stunden einkaufen kann. Und dank des Engagements der Gemeinde gilt das auch für die öffentlichen Angebote.

Neue Chancen und Angebote für alle

Beispielsweise können BürgerInnen Karten für Gemeindeveranstaltungen oder die Jahreskarte für das Schwimmbad mit WIR Stunden erwerben. Betriebe haben die Möglichkeit, Teile der Kommunalsteuer, Kanal- und Wassergebühren bei der Gemeinde mit WIR Stunden zu begleichen, ebenso Leistungen bei den Gemeindebetrieben. Die Gemeinde bringt das Z(w)eitgeld wieder in Umlauf, indem sie Leistungen in WIR Stunden einkauft. So entstehen regionale Geld- und Wirtschaftskreisläufe, die die regionale Wertschöpfung erhöhen und Arbeitsplätze schaffen.

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Nachbarschaftshilfe trägt alle

Der Anstieg neuer Betriebe bei WIR GEMEINSAM seit Juni macht deutlich, wie unermüdlich sich das Team in der Regionalwirtschaft engagiert. Denn verständlicherweise standen einige Menschen diesem neuartigen Ansatz zunächst skeptisch gegenüber. Umso erfreulicher ist es, jetzt über die zahlreichen neuen Mitglieder berichten zu können. Diese erweitern das Angebot erheblich: Ob Solaranlage oder Autoreparatur, ob Fleischerei oder Restaurant – in St. Georgen kann man bereits vielerorts mit WIR Stunden einkaufen.

Vision: möglichst autarke Regionen schaffen

Besonders viel Arbeit steckt der Verein in seine Zeitung ZEIT:SCHRIFT, die dreimal jährlich erscheint und über viele Projekte und Ideen von WIR GEMEINSAM Regionen, Mitgliedern oder andere Themen berichtet. Erhältlich ist die ZEIT:SCHRIFT als Druckversion oder als kostenlose PDF-Version zum Download. Unter diesem link kannst du dir selbst einen Eindruck verschaffen.

Tobias Plettenbacher, Mitbegründer und unermüdlicher Obmann des Vereins WIR GEMEINSAM, der sich seit vielen Jahren intensiv mit neuen Finanzierungs- und Wirtschaftsmodellen beschäftigt, ist zuversichtlich: „Unsere Vision ist eine Regionalwirtschaft, in der Energie, Lebensmittel und wichtige Produkte wieder weitgehend in möglichst autarken Regionen erzeugt und verbraucht werden. Die Gründung von WIR REGIONALWIRTSCHAFT ist ein erster Schritt dazu.“

Bildnachweis: © WIR GEMEINSAM

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