Scheinwerfer auf unheimlichem Nebel, Positivität nicht in Sicht

Negativität versus Positivität – wer gewinnt?

In den letzten Wochen sieht es so aus, als ginge es rapide bergab mit der Welt: Eine Flut von Negativität überrollt uns täglich in den Schlagzeilen. Mit jedem Tag scheint der Horror größer zu werden und neue Dimensionen zu bekommen. Warum verbreitet sich Negatives so gut und was können wir daraus lernen, um mehr Positivität in unser Leben zu bringen?

Das Negativprogramm im Gehirn

Unser Gehirn ist seit Urzeiten auf Negatives programmiert: Es pickt alles, was auch nur im Entferntesten bedrohlich sein könnte, heraus und bläst es vor unserem geistigen Auge auf. Alles mit dem Label „Problem“ ist gefundenes Fressen für unser Gehirn. Dieses ist auf Gefahrenvermeidung und Problemlösung eingestellt, um unser Überleben zu sichern. Das bedeutet umgekehrt auch: Positives hat im Vergleich wenig Chancen, wahrgenommen zu werden. Denn die Reaktionen auf gute Nachrichten können nicht annähernd mit jenen mithalten, wenn unsere „Panikknöpfe“ gedrückt wurden, da sie für das Überleben nicht wichtig sind.

Zumindest ist das die Grundausstattung, die wir mit unseren Gehirn mitgeliefert bekommen haben. Denn potenzielle Bedrohungen lösen eine körperliche Reaktion aus: Stress – unser Körper schüttet Adrenalin aus und reagiert mit dem Flucht-, Kampf- oder Totstellreflex. Das stammt aus einer Zeit, als das Alltagsleben einen täglichen Kampf ums nackte Überleben dargestellt hat: fressen oder gefressen werden, Naturgewalten überstehen oder eben nicht, Wasserlöcher auffinden können oder eben nicht.

Doch was nützen uns diese Mechanismen heute noch? Wo wir – zumindest hier im Westen und Norden – vergleichsweise in Wohlstand, Sicherheit und Überfluss leben? Wo die Energie aus der Steckdose und das Essen aus dem Supermarkt kommt? Die Lebensbedingungen haben sich rasant verändert, unsere Gehirnarchitektur ist gleich geblieben. Das passt nicht gut zusammen – wir leben in einem dauernden „Mismatch„.

Das Gehirn formen

Was uns am meisten von den Generationen vor uns unterscheidet: Wir wissen im Vergleich gut über die Funktionsweise unseres Gehirns Bescheid. Wir haben die Plastizität des Gehirns entdeckt. Das bedeutet, dass unser Gehirn formbar ist – bis zu unserem letzten Atemzug. Es formt sich durch das, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten – sei es bewusst oder unbewusst. Oft wird unsere Aufmerksamkeit gelenkt, z.B. durch die Medien, die in Dauerliebschaft mit dem Slogan „Only bad news is good news“ sind. Und uns als tägliche Morgengabe den Liveticker vom letzten Amoklauf oder Terroranschlag servieren. Wie schon gesagt: Unser Gehirn formt sich durch das, womit wir uns wiederholt beschäftigen. Die tägliche Dosis Angst verstärkt also die Angstprogrammierung unseres Gehirns. Wir nehmen vermehrt Bedrohliches wahr, vermuten böse Absichten hinter ganz neutralen Vorgängen. Wir ziehen im Zweifel den gewohnten Weg vor und ersparen uns jegliches Risiko, das mit Neuem verbunden wäre.

Viel wichtiger sollte es uns aber doch sein, dass wir unsere Aufmerksamkeit auch selbst steuern und damit unser Gehirn ganz nach unserem Geschmack formen können. Würde sich da nicht auch Positivität als Fokus der Aufmerksamkeit anbieten? Wenn wir unser Gehirn auf positive Erlebnisse und gute Nachrichten trainieren, werden wir vor allem die erfreulichen Dinge wahrnehmen und selbst entsprechend handeln.

Warum nicht gleich hin zum Positiven?

Doch Halt mal, einen Gang zurück: Wenn das Ganze so einfach ist, wieso machen es dann nicht längst schon alle? Niemand entscheidet sich doch freiwillig für einen bekackten Weg, wenn es auch den sonnigen Pfad gibt, oder? So einfach ist die Sache leider nicht:

Frau zieht Grauschleier von Sonnenuntergang weg, Positivität wird sichtbar

Einerseits braucht es als Basis das Wissen über die Formbarkeit unseres Gehirns. Das hat nicht jedermensch zur Verfügung – und schon gar nicht auf Abruf bereit, wenn die nächste Horrormeldung hereinkommt.

Und außerdem: Negativität geht von alleine, Positivität verlangt Arbeit. Und zwar laufend. Unser Gehirn prägt sich durch das, worauf wir immer wieder unsere Aufmerksamkeit richten. Wenn wir also z.B. den Blick aufs Positive als Gewohnheit etablieren. Jeder, der mal versucht hat, die Ernährung umzustellen, mit dem Rauchen aufzuhören oder mehr Sport zu machen, weiß, wie schwierig es ist, die alten treuen Begleiter durch neue Gewohnheiten zu ersetzen. Und jeder, der schon mal probiert hat zu meditieren, weiß, wie schwer es ist, die Aufmerksamkeit unter Kontrolle zu bringen.

Konkurrenz im Anmarsch

Drittens: Wir müssen in unserem Bestreben auf das Positive zu fokussieren, laufend umgehen mit den überall aufpoppenden Negativmeldungen, die quasi in Aufmerksamkeitskonkurrenz gehen. Und mit großer Wahrscheinlichkeit gewinnen. Wer informiert sein will, tut sich schwer, an den medialen Negativitätstriggern vorbeizukommen. Sie sind ja auch überall Gesprächsstoff – ganz nach dem Muster, dass die Aufmerksamkeit am ehesten der potenziellen Bedrohung folgt.

Es ist nicht leicht, in der Kantine beim Gespräch über den letzten Amoklauf zu sagen: Schaut doch mal auf das Positive in der Welt. Wir sind meist umgeben von Menschen, die ähnlich denken und reagieren wie wir selbst. Diese Filterblase zu verlassen ist schwierig. Sich der in ihr vorherrschenden Meinung zu widersetzen, ist mindestens ebenso schwierig.

Die Kraft der Emotionen

Die durch die Negativität ausgelösten Emotionen – Angst, Wut, Verzweiflung, Trauer – sind starke Kräfte, die schnell das Steuer übernehmen können. Sie stellen aber auch Verbindendes dar: In unserer Aufregung über die Vorkommnisse treffen wir uns emotional und verstehen einander.

Doch da gibt es noch eine andere Seite: Wenn keine Lösung in Sicht scheint, entsteht schnell das Gefühl von Hilflosigkeit. „Wenn nicht einmal die großen Staaten und Staatenverbünde etwas ausrichten können, was kann ich als Einzelne*r denn dann bewirken? Rein gar nichts.“ Wird dieses Gefühl täglich erlebt, so entsteht die sogenannte „gelernte Hilflosigkeit„, die uns – einzeln wie auch als Gesellschaft – wie gelähmt zurücklässt. Doch kann oder soll das das Ende unserer Reise sein? Oder wollen wir uns doch auf den arbeitsreicheren Weg einlassen – den Weg zum Positiven?

Was bedeutet Positivität?

Die Positivitätsforschung ist eine Fachrichtung der positiven Psychologie. Barbara Fredrickson , Professorin für Psychologie an der University of North Carolina at Chapel Hill, hat auf diesem Gebiet Bahnbrechendes geleistet. Ihre Arbeit wurde unter dem Namen „Broaden and build“-Theorie bekannt: Demnach erweitern positive Emotionen wie Freude, Interesse, Dankbarkeit, Liebe etc. unseren Horizont und lassen uns Neues ausprobieren – in Gedanken und Taten. Längerfristig baut dieses erweiterte Spektrum unsere inneren Ressourcen wie Kreativität, Handlungsfähigkeit, Energielevel und Lebensfreude auf und macht uns für die Zukunft resilienter. Ist es nicht genau das, was wir in Zeiten wie diesen wunderbar gut gebrauchen könnten?

Um allen Missverständnissen vorzubeugen: Positivität zu trainieren bedeutet nicht, das Negative in der Welt, das ja de facto besteht, zu ignorieren oder schön zu reden. Negative Emotionen als Reaktion auf negative Vorkommnisse und Nachrichten sind eine natürliche und gesunde Reaktion und sollen nicht „weggemacht“ werden. Es geht auch nicht darum, die Welt durch eine rosarote Brille zu betrachten. Das Leben beschert uns ein gewisses Maß an Negativität – im individuellen Leben und kollektiv, und damit gilt es adäquat umzugehen. Die Kunst der Positivität besteht viel mehr darin, die Entscheidung, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, stärker in die eigene Verantwortung zu nehmen und bewusster zu treffen. Es bedeutet, dem Negativen ganz bewusst Positives als Gegengewicht und Balance gegenüber zu stellen.

Positivität in den Alltag bringen

Das kann man zum Beispiel tun, indem man sich überlegt: Wofür bin ich in meinem Leben dankbar? Die persönliche Realität ist meist gänzlich anders als das in den Schlagzeilen Dargestellte: Die meisten von uns können dankbar sein für ein Dach über dem Kopf, mehr als ausreichend Nahrung, vergleichsweise viel Wohlstand und Sicherheit, Zugang zu Bildung und Freizeit und unendlich vieles mehr.

Auf der persönlichen Ebene sind es oft unsere nahen Beziehungen, die unser Leben mit Freude, Unterstützung und Kraft bereichern. Auch eine sinnstiftende Tätigkeit kann positive Gefühle und Gedanken hervorbringen. Als tägliches Ritual – morgens oder abends aufzuschreiben oder darüber zu reflektieren, wofür ich dankbar bin, bringt unglaublich viel mehr an positiven Emotionen, als man vermuten könnte. Der Tag beginnt oder endet dann viel gelassener und liebevoller.

Auch eine regelmäßige Praxis, anderen Menschen liebevolle Gedanken zu schenken, die von Herzen kommen, hat einen extrem hohen positiven Effekt. Die Wirkung ist jeweils schon nach dem ersten Mal spürbar. Die tägliche Übung jedoch macht erst die Meisterschaft.

Schmetterline im Kopf, die Positivität ausstrahlen

Positivität ist nicht gleich positives Denken

Positivität ist auch nicht zu verwechseln mit dem „positiven Denken„, das stark auf Affirmationen und Autosuggestion setzt und oft versucht, negative Gedanken oder Erlebnisse mit Nachdruck in etwas Positives zu verwandeln. Zum Beispiele, indem mensch sich vor den Spiegel stellt und sich 200 Mal sagt: „Ich bin schön!“ Wer sich in Wahrheit hässlich findet, wird sich das tief drinnen nicht abkaufen. Positivität hingegen nimmt zunächst wahr, dass es einen negativen Gedanken gibt und entscheidet, ob es sich um etwas handelt, mit dem ich mich wirklich beschäftigen muss, oder ob es verzichtbare Negativität ohne Wert ist. In letzterem Fall sucht man sich einen neuen Fokus der Aufmerksamkeit. Das Ziel kann frei gewählt werden – man kann sich überlegen, wer im persönlichen Umfeld einem liebevoll begegnet, sich am blauen Himmel erfreuen oder einen interessanten – positiven – Artikel lesen, der Nachbarin ein Stück Kuchen bringen oder die Katze kraulen.

WTF?

Das mag nun alles im Hinblick auf die täglichen Dutzenden Toten völlig banal und total irrelevant wirken und man kann sich berechtigterweise die Frage nach der Proportionalität stellen. Doch dabei sollte ein Punkt nicht übersehen werden: Mit jedem kleinen Teilchen von uns, das wir der Negativität überlassen, werden wir ein Stückchen mehr Teil von Angst, Hilflosigkeit und Ratlosigkeit. Mit jeder negativen Nachricht, der wir uns aussetzen, ohne dass wir damit etwas ändern, schwächen wir uns selbst ein wenig. Mit jedem Anflug von Angst, der uns beim Konsumieren der Nachrichten überkommt, entmachten wir uns selbst einen Schritt mehr. Jede*r Einzelne von uns. Wir wirken dadurch selbst mit an der Schwächung unserer Gesellschaft und verlieren unsere Orientierung.

Was können wir konkret tun?

Doch das muss nicht so sein. Auch wenn es Arbeit bedeutet, können wir unsere Komplizenschaft mit der Negativmaschinerie verweigern. Wir können uns stattdessen zu einem Teil der Gegenbewegung machen. Wir können unseren eigenen Energielevel, unsere Fähigkeit Lösungen zu finden, unsere Lebensfreude gezielt jeden Tag ein Stückchen positiver gestalten. Wir können unser Umfeld damit anstecken: Wer umgibt sich nicht gerne mit Menschen, die eine fröhliche und konstruktive Ausstrahlung haben? Wir können uns selbst zu Lautsprechern und Verstärkern jener Dinge machen, die wunderbar sind, die funktionieren, für die wir dankbar sind.

Wir können andere sachte dabei unterstützen, ihre Aufmerksamkeit ebenfalls dorthin zu richten. Wir können der Beschäftigung mit dem Negativen aktiv Grenzen setzen und Positives als Kontrapunkt einbringen. Wir können Positivität regelmäßig üben – so wie wir es machen, wenn wir z.B. ein Musikinstrument lernen. Wir können unsere positiven Gewohnheiten konsequent in unserem Leben umsetzen wie das tägliche Zähneputzen: vor dem Schlafengehen das Gehirn von Negativem putzen und mit Positivem spülen. Wir können mit kleinen, freundlichen Gesten mehr Positives in die Welt bringen. Zum Beispiel, indem wir jemandem die Tür aufhalten. Oder indem wir helfen einen Kinderwagen aus der Straßenbahn zu heben, ein Kompliment machen oder einen schönen Tag wünschen. Das kostet kaum Zeit und kein Geld, zeigt aber große Wirkung.

Noch mehr Tipps für Positivität

Wir können darüber Tagebuch führen und dürfen stolz sein auf alles Positive, das wir selbst verbreitet haben. Denn Stolz ist eine der zehn positiven Emotionen laut Barbara Fredrickson. Und nach einiger Zeit der Übung haben wir vielleicht ganz von selbst das Bedürfnis, einen größeren Beitrag zu leisten. Vielleicht wollen wir ein Projekt auf die Beine stellen, das dem Gemeinwohl dient oder ein Problem löst.

Wir können Interesse an den vielen Lösungsansätzen zeigen, die Menschen schon für unsere Herausforderungen entwickelt haben. Wir können uns inspirieren lassen durch Filme, Bücher oder zum Beispiel durch die vielen TED-Talks. Wir können dem Leben mit mehr Gelassenheit und mit Humor begegnen und uns den Bauch halten vor Lachen. Wir können barfuß im Gras tanzen und die Freude über den Tau zwischen unseren Zehen spüren. Wir können in die Augen eines Kindes schauen und darin in Liebe alle Wunder dieser Welt entdecken. Wir können in den Sternenhimmel blicken und uns in Ehrfurcht mit der Unendlichkeit verbinden. Und nicht zuletzt können wir hoffen, dass andere all das auch tun. Und dass wir gemeinsam den Sprung aus der trennenden Angst in eine uns alle verbindende Positivität schaffen.

Wenn du mehr zum Thema Positivität erfahren möchtest: Wir machen regelmäßig den Impulsworkshop „Wie du mehr Positives in dein Leben bringst“. Sei dabei!

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2 Kommentare

  1. Hallo,
    uiuiuiui, was für ein toller toller Artikel! Lustig, dass ich ihn heute finde. Habe ich doch gestern einen Blog mit der selben Kernbotschaft verfasst. Zufall?
    Danke für diesen Text. Wer hat ihn geschrieben? Ich würde ihn vielleicht gerne mal auf meiner Homepage zitieren, wenn das erlaubt ist?
    Herzlichen Gruß
    Stefanie

    1. Hallo Stefanie,
      das freut mich, wenn dir mein Text gefällt. Du kannst ihn gerne auf deiner Website verlinken.
      Mit lieben Grüßen
      Ira

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