Kinderfüße auf Schachteln an der Freien Schule Hofmühlgasse

Lernen mit Spaß: Die Freie Schule Hofmühlgasse macht’s vor

In einem bunten Gebäude in der Mariahilfer Hofmühlgasse spielt sich’s ab: Hier ist die Freie Schule Hofmühlgasse (FSH) zuhause: eine Schule, die das Spielen als wichtigen Baustein des Lernens betrachtet. Spielen als Grundlage zur Entwicklung der Fähigkeiten und der Persönlichkeit der Kinder. Eine Schule, in der sich das Lernen am einzelnen Kind orientiert: Die individuellen Fähigkeiten und Bedürfnisse des Kindes bestimmen sein Lernen, man geht achtsam auf die Lernmöglichkeiten und -grenzen jedes Kindes ein.

Um das bestmöglich erreichen zu können, sind in einer Lerngruppe höchstens zehn Kinder – so können die Lehrer*innen besser auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes eingehen. Auch die räumliche Ausstattung an der „Freie Schule Hofmühlgasse“ ist anders als in herkömmlichen Schulen: Es gibt Ruheräume zum Entspannen, Hochbetten für das Bedürfnis nach Rückzug, einen Bewegungsraum zum Freisetzen der überschäumenden Kinderenergie und im Hof eine Schaukel und einen Sandspielplatz.

ein Arbeitstisch mit Globus in der Freien Schule Hofmühlgasse

Ist das Leben doch ein Ponyhof?

Doch wer nun meint, das Leben sei kein Ponyhof und so wird das nix, dem sei gesagt: Am Ende jedes Schuljahres müssen die Schüler*innen dieser privaten elternverwalteten Volksschule eine Externistenprüfung ablegen. Dabei werden sie an den Anforderungen des Lehrplans der öffentlichen Volksschulen gemessen. (Das ist erforderlich, da die Freie Schule Hofmühlgasse kein Öffentlichkeitsrecht hat. Die Eltern melden die Kinder vom Schulbetrieb zum häuslichen Unterricht ab.) Auch an der FSH lernen die Kinder lesen, schreiben und rechnen. Doch beim Erarbeiten dieser Fähigkeiten steht das Vertrauen auf den natürlichen Wissens- und Lerndrang der Kinder im Zentrum.

In zahlreichen Projekten bearbeiten die Kinder auch Inhalte außerhalb des Lehrplans und lernen Fähigkeiten, die im außerschulischen Leben hilfreich sind: Es geht darum, dass die Kinder verschiedenste Erfahrungen in der Praxis sammeln und aus ihnen lernen. In diesen Projekten arbeiten die Kinder oft gruppenübergreifend – die jüngeren und die älteren Kinder tun sich zusammen, um gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen: eine Theateraufführung, ein Kunstwerk, eine Geschichte …

Nicht nur lesen, rechnen, schreiben

Handwerkliche und künstlerische Fähigkeiten haben in der „Freie Schule Hofmühlgasse“ neben Lesen, Schreiben und Rechnen einen hohen Stellenwert. Museumsbesuche, die Auseinandersetzung mit Künsterl*innen und das Erstellen eigener Kunstwerke für eine große Schulvernissage sind nur einige der Beispiele.

Kinderfüße in bunten Socken

Social Skills stehen heutzutage in fast jeder Jobausschreibung drin. Doch wie kommen wir zu diesen Fähigkeiten? Im Lehrplan sind sie nicht enthalten, viele Menschen kommen – wenn überhaupt – erst im Erwachsenenalter im Rahmen von beruflichen Weiterbildungen in den Genuss von ein oder zwei Seminaren dazu. In der FSH ist die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder im sozialen Kontext ein wichtiges Lernfeld. Das betrifft die Stärkung eines gesunden Selbstwertgefühls genauso wie den Umgang mit Konflikten und das Verständnis für die anderen. Die Reflexion über das eigene Verhalten und wie es auf andere wirkt gehört auch für die Kleinsten in der FSH bereits zum Schulalltag. Die eigenen Grenzen und jene der anderen kennen und respektieren zu lernen legt ebenfalls den Grundstein für gute soziale Fähigkeiten im späteren Leben.

Im Klassenplenum können die Kinder Probleme in der eigenen Lerngruppe ansprechen. Im Schulplenum versammeln sich Kinder und Lehrer*innen. Die Kinder haben dabei das Sagen – sie übernehmen die Moderation. Dadurch lernen die Schüler*innen von klein auf für ihre Meinung einzustehen und diese vor anderen zu vertreten. Dabei lernen sie an gemeinsamen Entscheidungen oder Konflikten zu arbeiten. Die Kinder erleben, dass sie einen Einfluss auf das Geschehen nehmen und mitgestalten können und dass ihre Meinung zählt. Eine wichtige Voraussetzung für spätere mündige und aktive Bürger*innen. So hört man, dass die FSH-Schüler*innen in ihrer späteren Schullaufbahn oft als Klassensprecher*innen begehrt sind. Denn sie haben in der FSH gelernt, ihre Ansichten zu vertreten und auf Augenhöhe mit Erwachsenen zu kommunizieren.

viele Kinderhände, auf einen Haufen gelegt

Eltern in der Schule

Die Eltern spielen eine wichtige Rolle als Teil der Schule: Jede Familie übernimmt eine Aufgabe, denn es gibt viel zu tun in einer elternverwalteten Schule: Neben  Vereinsleitung, Einkauf, Schlüsseldienst, Reparaturen, Elternbetreuung und Anlaufstelle für interessierte Eltern müssen auch die Website und die Facebook-Seite betreut werden. Es gibt außerdem regelmäßige Putz- und Kochdienste, die Organisation von Festen und die Anstellung der Lehrer*innen. Die Eltern finanzieren den Schulbetrieb vorwiegend selbst. Und sie sind natürlich aktiv in viele der Aktivitäten eingebunden, wie z.B. um Kostüme für Theateraufführungen herzustellen.

Jahre später …

eine Gruppe von Erwachsenen im Innenhof der "Freie Schule Hofmühlgasse"Wir haben Karen Allmer, Architektin und Mutter zweier ehemaliger FSH-ler*innen, um ihr Resümee gefragt. Ihr Sohn ist bereits 20 Jahre und studiert Medizin. Ihre Tochter, 16, besucht nun die HTL Spengergasse. Karen hat die Schulzeit ihrer Kinder in sehr guter Erinnerung: „Zwischen den Eltern sind viele Freundschaften entstanden, die bis heute halten. Die Schule hat mehr bewirkt als den Kindern bloß Lesen und Schreiben beizubringen.“ Karen erzählt, wie auch ihre Kinder immer noch die FSH-Kontakte pflegen und die Schulzeit wertschätzen: Der Sohn erinnert sich besonders gern an das Gefühl von Freiheit und Geborgensein und meinte: „So soll Schule sein“. Die Tochter: „Es war einfach eine coole Zeit!“ Es wäre schön, wenn wir das alle über unsere Schulerfahrungen sagen könnten.

Was Karens Kindern besonders positiv in Erinnerung geblieben ist: An manchen Nachmittagen und in den Pausen gibt es „erwachsenenfreie“ Zeit, in der die Kinder Raum zum Atmen und sich Entfalten haben in einer sehr stark von Erwachsenen kontrollierten Welt. Selbstverständlich können die Kinder  in dieser Zeit Unterstützung anfragen, wenn sie sie brauchen, z.B. im Fall von Konflikten. An anderen Nachmittagen gibt es jede Menge Freizeitprogramm, in dem Bewegung besonders wichtig ist: schwimmen, klettern, turnen, eislaufen, im Park herumtollen. Aber auch für Musik oder Handwerkliches lassen sich die Kinder begeistern.

Die Freie Schule Hofmühlgasse aus Kindersicht

Doch lassen wir doch auch mal ein „aktuelles“ Schulkind zu Wort kommen. Eine fröhliche Zweitklässlerin erzählt, was ihr an der FSH am besten gefällt – sie spricht ja auch mit Kindern aus herkömmlichen Schulen: „Am besten ist, dass wir nicht schon um 8 Uhr in der Klasse sitzen müssen und eine Glocke bimmelt. Das wäre ganz schrecklich. Wir kommen um 9 Uhr in die Schule und haben erst mal Pause. Besonders mag ich die Wochen, wo ich Ausruferin bin. Da laufe ich um halb zehn durch die Schule und rufe „2. Klasse beginnt, 2. Klasse beginnt!“.“ (Die Schule ist klein – es gibt pro Jahrgang nur eine Klasse für jede Schulstufe.)

Neben dem Job als Ausruferin kennt die Schülerin noch weitere Aufgaben: Jede Woche macht sie einen anderen Dienst. Mal ist sie bei der Nachmittagsjause zum Tischdecken dran, mal muss das Geschirr wieder abräumen oder aufkehren. Das mag sie – ex aequo mit Tischabwischen – am wenigsten. Den Job als Wasserholerin findet sie deutlich besser.

Es geht auch anders

Eine ganz andere Art von Aufgaben gibt es in ihrer Klasse jedoch nicht – nämlich die bei den meisten Schüler*innen gänzlich unbeliebten Hausaufgaben. „Unsere Lehrerin sagt, dass unser Gehirn sich mehr merken kann, wenn wir am Tag viel Freizeit haben. Denn dann sind wir mit anderen Dingen beschäftigt und haben den Kopf freier. Die in der dritten Klasse haben aber schon Hausübungen.“ Der Grund: Die Lehrer*innen an der „Freie Schule Hofmühlgasse“ entscheiden selbst, was am besten ist. Auch das Schleppen von Schultaschen, die halb so groß wie die Kinder sind, gibt es für die FSH-Kinder nicht: „Wir haben überhaupt keine Schultaschen, wir lassen unsere Hefte in der Schule.“

Kinderfüße in bunten Socken

Der coolste Lehrplan

Drei Lehrer*innen betreuen die Lerngruppe an jeweils unterschiedlichen Tagen. „Am Freitag haben wir Geschichtenwerkstatt, da schreiben wir die ganze Zeit und erfinden selbst Geschichten. Da haben wir eine Lehrerin, die macht nur Schreiben mit uns,“ erzählt uns die Zweitklässlerin mit großer Begeisterung. Denn Freitag ist einer ihrer Lieblingtage in der Schule. Doch auch die anderen Tage stinken nicht ab, im Gegenteil: „Am Sonntag Abend freu ich mich schon so auf die Schule! Da geh ich lieber gleich schlafen, damit ganz schnell morgen ist und ich wieder in die Schule gehen kann. Meine Lehrerin ist sooo nett!“

Damit ist die zweite Lehrerin gemeint, die „macht Mathe und Lesen und neue Wörter“ mit den Kindern. Der Dritte im Bunde „macht mit uns ganz coole Sachen. Neulich haben wir was über Bienen gemacht. Er hat uns Bienenwaben mitgebracht. Er hat uns auch gezeigt, wie man Metall magnetisch macht.“

Schule wie sie sein soll. Da wäre man doch gerne noch mal Kind.

Wenn du weitere inspirierende Alternativen aus dem Bereich Schule und Bildung kennen lernen willst, schau doch gleich in unser Mut-Map!

 

Fotos: © Freie Schule Hofmühlgasse
Um die Privatsphäre der Kinder zu schützen, zeigen wir keine Gesichter.

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